Eine deutliche Verschiebung des Golfstroms nach Norden, die durch Satellitendaten bestätigt wird, liefert zunehmend Hinweise darauf, dass die Atlantische Meridionale Umwälzzirkulation (AMOC) – das System der Meeresströmungen, die das Klima Europas regulieren – schwächer wird. Neue Modelle deuten darauf hin, dass diese Verschiebung ein Frühwarnzeichen für einen bevorstehenden, katastrophalen Zusammenbruch der AMOC sein könnte, mit potenziell drastischen Folgen für das globale Wettergeschehen.
Die Rolle der AMOC und des Golfstroms
Die Funktion des AMOC besteht darin, warmes, salziges Wasser aus den Tropen nach Norden nach Europa zu transportieren, wo es abkühlt, absinkt und entlang des Meeresbodens nach Süden zurückkehrt. Der Golfstrom ist ein entscheidender Bestandteil dieser Zirkulation. Er fließt entlang der Ostküste der USA, bevor er in den Atlantik mündet. Seine Gesundheit steht in direktem Zusammenhang mit der Stabilität des breiteren AMOC-Systems.
Die größte Bedrohung für die AMOC ist der Zufluss von Süßwasser aus dem schmelzenden grönländischen Eisschild. Dadurch wird der Salzgehalt des Wassers verdünnt, seine Dichte verringert und seine Fähigkeit zum Absinken behindert – ein entscheidender Prozess für die Aufrechterhaltung des Strömungsflusses. Während Wissenschaftler diese Abschwächung schon seit langem vorhergesagt haben, ist ein direkter Beweis bisher ausgeblieben.
Neue Erkenntnisse: Eine Verschiebung nach Norden
Forscher der Universität Utrecht haben mithilfe hochauflösender Modellierung (10 km Pixel gegenüber den typischen 100 km) einen klaren Zusammenhang zwischen einer schwächeren AMOC und einer Verschiebung des Golfstroms nach Norden nachgewiesen. Satellitendaten bestätigen, dass diese Verschiebung bereits stattfindet: Der Golfstrom hat sich in den letzten 30 Jahren etwa 50 Kilometer nach Norden bewegt.
Diese Bewegung tritt auf, weil die schwächelnde AMOC auch den Deep Western Boundary Current verringert, der den Golfstrom normalerweise entlang der nordamerikanischen Küste nach Süden zieht. Wenn die Strömung schwächer wird, krümmt sich der Golfstrom stattdessen nach Norden.
Modellierung eines Katastrophenszenarios
Die Modellierung der Studie zeigt, dass der Golfstrom nach 392 simulierten Jahren in nur zwei Jahren über 200 Kilometer nach Norden springt. 25 Jahre später bricht die AMOC vollständig zusammen. Dies ist zwar ein idealisiertes Szenario, es verdeutlicht jedoch einen entscheidenden Zusammenhang: Eine abrupte Verschiebung des Golfstroms könnte der früheste erkennbare Indikator für eine bevorstehende Abschaltung der AMOC sein.
Ein völliger Zusammenbruch würde eine extreme Abkühlung in Europa auslösen; In London könnte es zu Kälteeinbrüchen von -20 °C (-4 °F) kommen, während in Oslo, Norwegen, Temperaturen von -48 °C (-54 °F) herrschen könnten. Daher sind Vorbereitungen – die Isolierung der Infrastruktur und die Verlagerung landwirtschaftlicher Zonen – dringend erforderlich.
Unsicherheiten und nächste Schritte
Trotz der alarmierenden Ergebnisse bleibt der genaue Zeitpunkt eines möglichen Zusammenbruchs unklar. Die Prognosen schwanken zwischen Jahrzehnten und Jahrhunderten. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Rate des Süßwasserzuflusses aus Grönland beschleunigen oder unvorhersehbar verschieben könnte. Das Modell geht von einer bestimmten Rate und einem bestimmten Ort des Süßwassereintrags aus, was möglicherweise nicht den realen Bedingungen entspricht.
Diese Forschung liefert jedoch ein messbares Frühwarnsignal, das bisher nicht verfügbar war. Obwohl weitere Modellbestätigungen erforderlich sind, deuten die Ergebnisse darauf hin, dass sich die AMOC schneller verlangsamt als zuvor vorhergesagt, was möglicherweise einen Klima-Kipppunkt näher bringt als erwartet.
