Warum Menschen angeblich von der ersten Filmvorführung weggelaufen sind

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Die Geschichte, die jeder kennt, ist einfach. Es ist beängstigend. Auf dem Bildschirm erscheint ein Zug. Das Publikum gerät in Panik. Sie schreien und fliehen aus dem Raum, als ob die Lokomotive sie tatsächlich zerquetschen würde.

Diese Geschichte geht auf den 25. Januar 1896 zurück. Die Brüder Lumière zeigten L’Arrivée d’un Train en Gare de La Ciotat im Salon Indien du Grand Café in Paris. Es war ein 50-Sekunden-Clip. Still. Unbearbeitet. Eine fortlaufende Aufnahme, gefilmt mit einem Cinematographe.

War es der erste Film überhaupt? Nein. Die Lumières hatten erst einen Monat zuvor zehn ähnliche Kurzfilme gezeigt. Aber es war eine der ersten öffentlichen Vorführungen bewegter Bilder für ein breiteres Publikum.

Ist die Menge tatsächlich in Panik geraten?

Wahrscheinlich nicht.

Die Filmhistoriker Martin Loiperdinger und Tom Gunning haben die Aufzeichnungen durchforstet. Sie fanden keine Berichte aus erster Hand über Menschen, die voller Angst aus dem Gebäude rannten. Es gab Erstaunen, ja. Vermutlich überraschtes Keuchen. Aber keine Massenflucht.

Ray Zone bot einen anderen Blickwinkel. Er glaubte auch nicht an die Erzählung vom totalen Chaos. Er bemerkte jedoch den Zeitpunkt. Nur wenige Monate vor der Vorführung war eine außer Kontrolle geratene Lokomotive auf einem Pariser Bahnhof verunglückt. Angst war nicht ausgeschlossen, auch wenn die Version „um ihr Leben rennen“ übertrieben ist.

Warum bleibt die Legende bestehen?

Weil es eine gute Geschichte ist.

Es stellt das Kino als eine magische, fast primitive Erfahrung dar, die uns nach und nach gezähmt hat. Es lässt uns schmunzeln über die Vorstellung, dass anspruchsvolle, urbane Pariser in einen Zustand nahezu primitiver Angst verfallen. Es zeigt, wie schnell Technologie für uns unsichtbar wird. Was 1896 schockierend war, ist heute ein Hintergrundgeräusch.

Die Legende erfüllt einen Zweck. Es markiert die Distanz zwischen „neu und erschreckend“ und „zweiter Natur“.

Wir wissen, dass die Lumières Alltagsszenen gefilmt haben. Züge, Arbeiter, Straßenleben. L’Arrivée d’un Train zeigt einen einfahrenden Zug, der knapp links an der Kamera vorbeifährt und anhält, um Passagiere auszuladen. Es ist banal. Das ist der Punkt.

Also, ist das Publikum gerannt? Die Beweise sagen nein. Aber das Gefühl der Ehrfurcht? Das ist echt. Der Schock, ein bewegtes Bild zu sehen, das Licht auf eine Wand projiziert? Real. Das konkrete Detail ihrer Flucht? Mit ziemlicher Sicherheit erfunden.

Wir brauchen keine Panik, um den Moment zu schätzen. Die Magie lag in der Projektion, nicht in der Flucht.