Wale kennen sich auch

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Diana Reiss wollte herausfinden, ob ein Wal weiß, dass er existiert.

Vor zwanzig Jahren bekam sie ihre Chance im New York Aquarium der Wildlife Conservation Society. Der Aufbau war spezifisch. Vier weibliche Belugas teilten sich die Tanks. Kathy, Marina und Natasha wurden aus der Wildnis geholt. Maris war anders. Sie war Natashas Tochter, die 1994 in den Betonwänden des Tanks geboren wurde.

Das kam selten vor. Es gibt nicht jeden Tag vier verwandte Belugas. Vor allem nicht an einem Ort.

Das Team führte den Spiegeltest durch. Es ist der alte Trick zur Messung des Selbstbewusstseins. Stellen Sie ein Motiv vor einen Spiegel. Markieren Sie ihr Gesicht mit etwas Harmlosem, aber Unsichtbarem für sie. Wenn sie in den Spiegel schauen und das Mal an sich selbst und nicht am Glas berühren, bestehen sie. Sie erkennen, dass das Spiegelbild eine Kopie ist.

Schimpansen passieren es. Elstern. Sogar saubererer Fisch. Aber Wale? Besonders Belugas? Sie sind laut, gesellig und unheimlich klug. Sie ahmen die menschliche Sprache nach. Sie kopieren Große Tümmler. Sie bilden im Eis enge kleine Gesellschaften.

„Ihre Neigung zur spontanen Nachahmung … ist ein starker Beweis für ein hohes soziales Bewusstsein.“

Reiss dachte, sie würden bestehen. Also begannen sie mit dem Testen.

In Phase eins ging es noch nicht um Noten. Es ging um Verhalten. Die Forscher versteckten sich hinter Einwegglas in den Besucherfenstern. Sie hielten Ausschau nach Notfalltests. Nickt. Kopf schüttelt. Wackelt. Interagieren sie mit dem Bild, weil es sich bewegt, wenn sie sich bewegen?

Natasha und Maris stachen hervor. Natasha hat alles getan. Blase blasen, Nacken strecken, Brustmuskeln bewegen. Sie behandelte den Spiegel wie ein Fitnessgerät. Maris stimmte mit ein und biss größtenteils in ihre eigenen Blasen, während sie sich selbst in die Augen starrte. Der Rest? Es war ihnen egal.

Damit kamen Natasha und Maris in die nächste Runde. Der wahre Test.

Trainer malten ungiftige Markierungen auf Stellen, die die Wale ohne den Spiegel nicht sehen konnten. Hinter dem Ohr befindet sich ein klassischer Fleck.

Natasha ging direkt zum Glas. Sie legte den Kopf schief. Sie drückte das markierte Ohr gegen die Sichtluke. Sie rieb es. Sie wusste, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Sie hat bestanden.

Maris hat diesen Sprung nicht ganz geschafft. Sie zeigte zwar großes Interesse, aber sie berührte das Ziel nicht. Dennoch schrie ihr Verhalten nach Anerkennung. Nur kein vollständiger Beweis.

Man könnte argumentieren, dass es sich dabei um in Gefangenschaft gehaltene Tiere handelte. Plexiglas ist reflektierend. Sie sahen Reflexionen, bevor sie Wissenschaftler sahen. Wilde Belugas würden diesen Vorteil nicht haben.

Aber das geht am Thema vorbei. In dem jetzt veröffentlichten Artikel heißt es, dass Belugas über ein hohes Selbstbewusstsein verfügen. Das ist die große Erkenntnis. Früher dachten wir, dass es eine Eigenschaft war, die fast ausschließlich uns gehörte. Jetzt? Wir wissen es besser.

Es ist wichtig, weil Bewusstsein Komplexität impliziert. Und Komplexität verdient Schutz. Wildpopulationen schrumpfen. Der Klimawandel lässt ihren Lebensraum schmelzen. Der Lärm der Schiffe übertönt ihre Lieder. Die Verschmutzung füllt ihre Lungen.

Wir haben heute über 300 Belugas in Käfigen. Live-Aufnahmen sind in den USA und Kanada verboten. Für viele zu spät.

Natascha lebt. Sie ist 42, in Waljahren wohl eine alte Dame. Sie schwimmt in Connecticut.

Maris ist weg. Sie starb 2015 im Alter von nur 21 Jahren in Georgia. Ein kurzes Leben. Eine getrennt lebende Tochter.

Der New Yorker Panzer hält sie nicht mehr. Aber die Daten bleiben bestehen. Und das Gleiche gilt für die Wale, die uns irgendwo anders durch die Glasscheibe beobachten.

Merken wir, dass sie zuschauen?